Wahlvolk bei Laune halten
::Von Tobias Döring
am 05.01.2009 um 21:29
Kommunikation ist alles. Wer heute erfolgreich sein will, muss ständig mit den für ihn – beruflich wie privat – wichtigen Menschen in Kontakt stehen: reden, sich austauschen, vorankommen. Das wird uns in der "modernen Kommunikationsgesellschaft" ständig eingebläut. Das gilt für jeden, für Nachwuchs-Journalisten sowieso.
Und für Politiker erst recht. Nur mit dem Unterschied, dass Politiker alle erreichen müssen/sollen/wollen. In Regierungs- oder Oppositionszeiten ist das für Parteien und ihre Kandidaten vergleichsweise einfach. Medienvertreter anrufen, einladen, informieren – und sich den Vorschlag am besten vorher reiflich überlegt haben. Doch in einem Wahlkampf ist alles anders. Auch wer kein Fernsehen schaut, kein Radio hört, keine Zeitung liest, muss das Anliegen der Partei und des Kandidaten auf die Nase gebunden bekommen.
Was machen? Am besten eine "Mega-Wahlkampfochsentour"! Von Dorf zu Dorf, von Bierzelt zu Bierzelt (in Bayern), von Turnhalle zu Turnhalle, von Ortsverein zu Ortsverein wird getingelt. Und wenn noch mehr Leute erreicht werden sollen? Wenn die Zeit nicht reicht für eine "Mega-Wahlkampfochsentour" wie jetzt beim "Turbowahlkampf" vor der hessischen Landtagswahl am 18. Januar? Thorsten, Roland, Tarek, Jörg-Uwe, Willi: "Lasst uns interaktiv werden! Jetzt erst recht!", müssen die Wahlkampfleiter ihren Schützlingen vor dem "Turbowahlkampf" anscheinend zugerufen haben. Denn alle sind jetzt zwanghaft interaktiv-kommunikativ im Internet.
Der Thorsten, der Roland, der Tarek, der Jörg-Uwe und der Willi versuchen ihre "Message" ans müde Wahlvolk zu bringen. Videos bei YouTube? Das gabs ja schon, haben mittlerweile alle. Besonders langweilig ist dabei Thorsten Schäfer-Gümbels (SPD) "Video-Botschaft zum Jahreswechsel". Aber der Thorsten ist "Jetzt auch auf Twitter...". Und auf meinVZ, Wer kennt wen und Facebook. Was er da macht, weiß wohl nur sein Wahlkampfleiter. (Junge) Wähler mobilisieren sicherlich nicht, eher das Wahlvolk bei Laune halten, ja unterhalten. Und auch Roland Koch (CDU) lässt sich nicht lumpen. Im webcamp09 kämpfen seine Helfer um jede Stimmen, bloggen was das Zeug hält. Artikel, Fotos, Videos.
Tarek Al-Wazir von den Grünen bietet eine Art Slideshow mit kurzen Infos zu seiner Person, Botschaft, Politik und Aktuellem und fordert Roland Koch per YouTube zum Rededuell heraus. Die Linken trumpfen mit dem "Rasenden Roland" ganz groß auf. Wofür Parteien alles Geld ausgeben...
Und was war der CDU und den Grünen am Montag, den 5. Januar, besonders wichtig? Im "Zwei-Wochen-Turbowahlkampf", der ja keine Zeit für die "Mega-Wahlkampfochsentour" lässt? Natürlich: Die Vorstellung der "Wahlkampfochsentour"-Gefährte (ohne Mega). Da setzten Parteien und Kandidaten dann aber wieder auf Bewährtes. Die CDU Hessen präsentierte auf einem Foto (die verlinkte Slideshow funktionierte leider nicht) die großen Wahlkampfbusse, für die Grünen – dagegen ganz "Öko" – fährt Tarek Al-Wazir "einen erdgasbetriebenen Zafira des hessischen Automobilherstellers Opel" wie stolz verkündet wurde.
Bei den Linken gibt es jeden Tag neue Fotos der "Hessentour" in einer Galerie: Da kann man dann abends nochmal nachgucken, wie der Spitzenkandidat bei der "Wahlkampfochsentour" die Fußgängerzone besucht hat. Zumindest die werden klicken, die Mitglieder im Ortsverein sind und den Termin verpasst haben. Alle anderen interessiert sie ja eigentlich sowieso nicht, diese überflüssige Pseudo-Wahlkampf-Interaktivität.
Chronische Bilderflut
::Von Melina Wachtling
am 02.01.2009 um 13:50
Wie gehen eigentlich die Online-Auftritte der einschlägigen Medien mit einem Jahreswechsel um? Sehen wir es uns an.
Durchgängig fällt auf, dass es hier einige Kandidaten mit dem Trend der Fotostrecke auf die Spitze getrieben haben. Stern, Spiegel und Die Welt präsentieren klickintensive Bildergalerien, die, so scheint es, noch nicht einmal eine Selektion nach einer besonderen Relevanz für das auslaufende Jahr erfahren haben. Offenbar traut man dem Rezipienten nicht einmal mehr die Fähigkeit zu, sich durch einen gut strukturierten Fließtext zu arbeiten. Was präsentiert wird, sind digitale Bilderbücher, die ganz nebenbei auch durch die hübschen Buttons zum nächsten Bild die Klickzahlen in die Höhe treiben.
Auf Bilder mit rein symbolischem Aussagegehalt setzt dabei die Welt in ihrem Nachruf auf die Wirtschaftswelt 2008 – so wird die Finanzkrise mit dem Satz "Die als Heuschrecken titulierten Finanzinvestoren haben sich überfressen." rekapituliert, als Unterzeile zu einer Abbildung einer bronzenen Heuschrecken-Skulptur. Was ist der journalistische Wert einer Fotostrecke, in der jedes einzelne Bild keinen dokumentarischen, sondern lediglich illustrativen Charakter hat? Auch "Gewinner" und "Verlierer" der Wirtschaft kürt die Welt in diesem Artikel – in Form kurzer Textabsätze, die aber trotzdem im Format einer Bildergalerie durch schön viele Klicks aneinandergereiht sind.
Auch der Stern sagt "Lassen Sie sich in mehr als 70 Fotostrecken, Videos und Wissenstests noch einmal in das ausklingende Jahr entführen. Erinnern Sie sich noch an die Gewinner, die Verlierer, die tragischen Gestalten, die Katastrophen sowie die größten Patzer und Peinlichkeiten?". Es folgt eine enorme Flut an Bildergalerien aus jedem Monat des vergangenen Jahres unter völlig irritierenden Titeln wie "Strenge Vegetarier – Von Granaten in Kaschmir bis zum Zulu-Geburtstag."
Der Spiegel macht es kaum besser, wenn auch er zur billigen Prostituierten des Journalismus namens Fotostrecke greift und die "Augenblicke 2008" präsentiert, deren universeller Charakter sich jedoch nicht erschließt. Immerhin sprechen die Fotos hier für sich und vermitteln auch ohne Unterzeile eine Aussage per se.
Ein wenig erfrischend hingegen ist der Ansatz der Süddeutschen. Zwar kann man auch hier das "Jahr in Bildern" durchblättern, aber es findet sich außerdem eine Slideshow von Personen, die im letzten Jahr ins Gras gebissen haben – kein nerviges Klicken und ein makabrer Blick über den Tellerrand der großen hard news hinaus. Ergänzt wird das Ganze durch einen Service-Artikel "Was sich 2009 ändert - Steuern, Gesundheit, verbraucherschutz". Endlich wirklicher Infromationsgehalt! Die taz liefert Infos zu Gesetzesänderungen und widersteht dem Hype ums wilde Chronizieren im Billig-Fummel Fotostrecke. Ist nicht ohnehin das, was kommt wesentlich wichtiger als das, was war? Die FAZ begnügt sich übrigens neben einem Artikel zu Merkels Neujahrsansprache mit einem Video zu den "Benimmtrends 2009". Das hat wenigstens Unterhaltungswert im Gegensatz zu den lieblos zusammengeflickten Bildern.
Lobende Erwähnung für einen journalistisch angemessenen Umgang mit Bildern verdient die Jahreschronik des WDR. In der Übersicht sind nach Monaten die zentralen Ereignisse durch kleine Icon-Bilder vertreten, die bei Cursor-Berührung farbig werden und Datum wie Überschrift ausspucken. Durch Anklicken gelangt man zu einem prägnanten Text zum Ereignis, der durch slideshowartig kombinierte, dokumentarische Bilder auf der linken Seite untermalt wird. Unter dem Text werden außerdem Links zu den jeweiligen Artikeln und anderen Multimedia-Inhalten zum Thema angegeben. Eine gegenseitige Ergänzung von Bild und Schrift ist hier gelungen.
Alle Jahre wieder
::Von Janis Brinkmann
am 28.12.2008 um 14:39
Zuweilen ist es an der Zeit, sich der wahren Bedeutung von Weihnachten bewusst zu werden. Mehr als zweitausend Jahre nachdem in einem alten Stall bei Bethlehem ein kleiner Junge unter himmlischen Pauken und Trompeten das Licht der Welt erblickte (Die Weihnachtsgeschichte), nur um hunderte Wundertaten später von einer Horde religiöser Fanatiker und reaktionärer Römer an zwei Holzbalken genagelt zu werden, ist diese Welt gottloser denn je.
Zumindest die Fernsehwelt. Dieses Subsystem der Informations- und Unterhaltungsindustrie scheint – wie übrigens auch viele Menschen – in der Weihnachtszeit von Gewissensbissen geplagt, ob der vielen kleinen und großen Sünden, die es im Laufe eines Jahres so verbrochen hat. Vom Heiligen Abend bis zum zweiten Weihnachtstag verzichten die Privaten deshalb auf die obligatorischen Gerichtsshows im Vormittagsprogramm, ARD und ZDF verbannen ihre Seifenopern vom Nachmittag in den Giftschrank und Kerner bekommt Sprechverbot. Gute Voraussetzungen also für ein besinnliches Weihnachtsfest sollte man meinen. Doch dann schaltet man voller Vorfreude das geliebte Gerät ein und landet bei "Werner - Volles Rooäää!!!" (Untertitel: Fäkalstau in Knüllerup). Wie weihnachtlich. Alternativ zum Fäkalhumor laufen diverse Karl-May-Verfilmungen, die pünktlich zum Fest aus den sendereigenen Mottenkisten gezaubert werden. Ganz nett, aber hat man alles schon mehrfach gesehen (vermutlich vergangene Weihnachten). Was bleibt am heiligen Nachmittag? Natürlich: "Der kleine Lord". In mitteleuropäischen Breiten, wo Charles Dickens Weihnachtsgeschichte Scrooge weniger rezepiert wird als in seinem angelsächsischen Mutterland, reagiert man auf die Mär des kleinen pauspäckigen und pottschnittigen Jungen, der mit nichts als einem Kinderlächeln aus seinem grießgrämigen Großvater einen liebevollen Opa macht, mit weihnachtlicher Verzückung. "Ja", denken wir uns, "so soll es sein. Das ist der Geist der Weihnacht." Warum auch nicht? So etwas passiert ständig. Und die politische Willensbildung des Volks vollzieht sich in den Parteien. Selten so gelacht.
Aber gut, es scheint Menschen zu geben, die Gefallen an derartigen Märchen finden und für die das Weihnachtsprogramm eine tolle Sache ist. Diese Menschen – und auch nur diese Menschen – empfinden dann auch Freude an den im Abendprogramm angekündigten Blockbustern. Das sind große Filmhighlights ("Die besten Filme aller Zeiten"), die aus Sendersicht oft sehr teuer eingekauft werden müssen, aus Zuschauerperspektive aber schon für fünf Euro auf jedem Wühltisch zwischen Geiz ist Geil und Ich bin doch nicht blöd abzustauben waren. Wahnsinnsfilme also wie Titanic, Gladiator und Der Herr der Ringe (obwohl es schon gewagt ist, lediglich den zweiten Teil, Die Zwei Türme, zu zeigen und den Film somit nach vorne und hinten etwas unverbunden stehen zu lassen) und Filme, die es vom lästigen Onkel gibt, den man zu Weihnachten immer einladen muss und bei dem alle froh sind, wenn er am Ende nicht kommt. Zu dieser letzten Kategorie von Filmen, die in Videotheken (die gibt es tatsächlich noch) immer ganz hinten links versteckt werden, gehören Machwerke wie Allein mit Onkel Buck, Die Schatzinsel (wahlweise mit den Muppets), alle Filme mit Sylvester Stallone und nicht zu vergessen Verspochen ist Versprochen, in dem ein ehemaliger Bodybuilder und heutiger Gouverneur von Kalifornien einem neuen Superspielzeug für seinen Sohn hinterherjagt.
Eine Frage steht allerdings im Raum: "Warum lässt man die Glotze an Weihnachten nicht einfach aus? Dann muss man sich auch nicht über das Programm aufregen." Das ist natürlich ein berechtigter Einwand. In meiner Familie wird das auch seit Urzeiten so gemacht. Trotzdem gibt es einige Dinge, die einfach mal gesagt werden müssen. Die Tatsache, dass "Weihnachten mit Carolin Reiber" keinen Beitrag zum öffentlich-rechtlichen Programmauftrag leistet, gehört dazu. Für manche dieser Dinge lohnt es sich zu kämpfen. Für andere nicht, aber man versucht es trotzdem. Auch wenn man weiß, dass es vier Tage später – an Silvester – noch schlimmer wird. Doch im Gegensatz zum frommen Versuch der Fernsehsender an den Weihnachtstagen ein (für wen auch immer) attraktives Programm zusammen zu schustern, ist es manchen Senderchefs zum neuen Jahr offensichtlich herzlich egal, was auf ihrem Kanal zu Silvester läuft. Dahinter mag sich manchmal eine zynisch-misanthropische Motivation verstecken, die niemand so anschaulich erläutert, wie der populäre Stenkelfelder TV-Moderator Jean-Jacques Gelee:
"Wer sitzt denn Silvester vor dem Fernseher? Einsame Tattergreise und Volltrottel! Wenn die Sendung in Farbe kommt, ein paar Luftschlangen und Ballons durchs Bild fliegen, dann hat dieses Quotenvieh doch genug erlebt." Dem wäre wohl nichts mehr hinzuzufügen.
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Abschiedskuss auf Irakisch
::Von Verena Hepperle
am 23.12.2008 um 20:16Es scheint, als kenne die ganze Welt in dieser Jahresendphase nur ein Thema: Schuhe. Und nicht irgendwelche. Es handelt sich um ganz bestimmte Schuhe. Richtigerweise handelte es sich um solche – denn wie jüngst bekannt wurde, ist das zu Weltruhm gelangte Schuhpaar zerstört worden. Die Untersuchung auf Sprengstoff habe es nötig gemacht, so die Begründung. In den Fokus der Öffentlichkeit gelangte jedoch nicht nur jenes "Seize 10"-Paar, das Muntaser el Saidi zu einem Wurfgeschoss umfunktioniert hat, sondern auch er selbst. Seine Aktion hat ihn als "Schuhwerfer" bekannt gemacht und um nichts anderes als um Aufmerksamkeit sei es ihm laut amerikanischem Präsidenten selbst gegangen.
Die Bilder liefen in aktuellen TV-Nachrichtensendungen rauf und in den darauf folgenden Tagen noch runter und sind immer noch im WorldWideWeb anzuschauen. Außerdem laden diverse Seiten einen jeden bis auf weiteres zur Nachahmung ein – virtuell versteht sich, wie auch dieses an die Weihnachtszeit angepasste Geschwindigkeits-Klickspiel. Es verhält sich nun jedoch so, dass el Saidi auch eine andere Möglichkeit gehabt hätte, seinem Groll gegen den amerikanischen Präsidenten Luft zu machen: Denn el Saidi ist Journalist.
Mag sein, dass er ein wütender, ein frustrierter Journalist ist und seine Frustration auf persönliche Erlebnisse im Irak-Krieg zurückzuführen ist. Aber gibt das einem Journalisten das Recht, andere als rein journalistische Mittel des Protestausdrucks zu wählen? Und die von ihm gewählte Handlungsweise war in keinem Fall eine journalistische. Ein Journalist – gerade ein Journalist – kann andere Wege gehen – und das sicherlich auch im Irak, um sich Gehör zu verschaffen. Zugleich muss eingeräumt werden, dass el Saidi, seines Zeichens Fernsehreporter, sicherlich mit keinem Beitrag je ähnliches Aufsehen erregt hätte wie mit seiner Wurfattacke.
Die erzielte Wirkung dieses "Abschiedskusses", so kommentierte der Werfer seine Attacke selbst, war und ist immens. Der Zweck, sofern der das Erheischen der Aufmerksamkeit war, hat einmal mehr das gewählte Mittel nicht nur sprichwörtlich geheiligt und das, obwohl das Geschoss sein Ziel – namhaft Bush – verfehlt hat. (Was allein auf die von diversen Kollegen bereits gebührend beachtete Reaktionsfähigkeit des amerikanischen Präsidenten zurückzuführen ist – ein Online-Leserkommentar wertet das übrigens als einzigen Erfolg in acht Jahren.) Seinen Mut, diese nicht-journalistische Methode zu wählen – denn mutig war sie in jedem Fall, die Schuhattacke – musste el Saidi bei der Festnahme mit Misshandlungen und Schlägen bezahlen. Das hat er zumindest in einem Telefonat mit einer Abgeordneten des irakischen Parlaments so angegeben.
Nun sind Prügel aus menschenrechtlicher Perspektive so wenig akzeptabel wie el Saidis Abschiedsgruß nicht von journalistischer Natur war. Bis zu 15 Jahre Haft drohen ihm nun. Seinen virtuellen Nachahmern hingegen droht – im schlimmsten Falle – ein schlechtes Gewissen. Im besten glauben sie auf diese Weise ihre Solidarität mit el Saidi zum Ausdruck zu bringen und zugleich vermeintliche eigene Aggressionen – virtuell und doch real – abbauen zu können.
Bratwurst-Odyssee
::Von Andreas Sträter
am 19.12.2008 um 17:57
In diesem Blog geht es wieder um die Wurst. Und zwar um leckere Bratwürste. Der Fernsehunternehmer André Zalbertus widmet der Wurst eine komplette Internetseite: Auf bratwurst.tv erklärt der Medienmann die Geschichte des Fleischprodukts und zeigt Filmchen von Bratwurst-Festivals und ähnlichen Skurrilitäten. Wer weiß schon, dass sich der erste schriftliche Beleg für die Bratwurst in der 700 vor Christus entstandenen Odyssee von Homer finden lässt? Griechische Kämpfer rösteten mit Fett und Blut gefüllte Ziegen- und Schweinemägen auf glühenden Kohlen. Lecker. Ein Jahrhundert vor Christus zeigte Apicius in einem ersten römischen Kochbuch, wie man Würste richtig brät.
Die Geschichte der Bratwurst endet vorerst mit der Gründung des "weltweit größten Bratwurstportals" im Internet.
Der Besucher des Internetportals wird mit einem Ruhrpott-Song des fleischbackigen Sängers Country-George in Empfang genommen, der mit Cowboy-Hut und Gitarre auf Gleisen steht und Weisheiten wie "Wenn der Wirt in deiner Kneipe dir ein Bier hinstellt, gibt es keinen Ort, wo es dir mehr gefällt" fröhlich in die Kamera trällert. Ein Blick über das Revier hinaus ist in der Rubriik "Bratwurst weltweit" möglich. Hier finden sich Videos aus China, Thailand und Mallorca. Zalbertus begibt sich im Land der Mitte auch selbst auf die Spuren der Bratwurst. In einem Brief an alle Bratwurstfreunde bezeichnet er sich als "Emotionsexperten": "Good news sind unsere Spezialität, Optimismus statt ständig nörgeln und schlechte Stimmung machen. Die Menschen lieben gute Geschichten, seit über 2000 Jahren", schreibt er.
Noch ein bisschen absurder mutet ein weiteres Projekt von Zalbertus an: German-Autobahn.tv. Hier zeigt er Autobahnfahrten, die aus der Fahrerperspektive gefilmt sind. Zu sehen ist die pure Beton-Monotonie: Es geht um Blinken, Spurwechsel, Überholen, Einscheren, Bremsen, Weiterfahren. Und das ohne Staus! Der Regisseur will 12.550 Autobahnkilometer in Deutschland abfilmen und dann mit "geschmackvoller Musik" unterlegen.
Vor dem Computer lässt sich mit diesen Filmchen wunderbar entspannen. Vor allen Dingen dann, wenn man auf dem Weihnachtsmarkt wieder die ein oder andere Bratwurst zuviel gefuttert hat...
Gut, dass jetzt erstmal die Zeit für Geflügel, Fondue und Raclette anbricht. Es ist die Zeit des Nachhausekommens. Bratwurst und Autobahnen können uns erstmal gestohlen bleiben.
In diesem Sinne: Frohe und bratwurstfreie Weihnachten!!!
:: 1 Kommentar
Positionswechsel statt Rollentausch
::Von Tobias Döring
am 17.12.2008 um 18:03
Der Rollentausch: Denkt man(n) an ihn, so hat man(n) meist das Verhältnis der Geschlechter im Kopf. Nicht selten die Zeit vor der weiblichen Emanzipation – und ist damit meist einem rückständigen Grunddenken aufgesessen. Auf der Arbeit wird eine Frau zum Chef. Auch zu Hause geht es drunter und drüber: Nach Feierabend steht auch mal der Herr am Herd, dank Elterngeld hütet der Vater zwei Monate den Nachwuchs im eigenen Heim und die Mutter verdient in der Zwischenzeit das Geld. Irgendwie wirkt es unnatürlich, erzwungen, dieses dreisilbige Wort, das Männern dadurch schwer über die Lippen geht: Rol-len-tausch. Der Tausch der anscheinend beim "normalen" sexuellen Treiben im Bett so festgelegten "Rollen" bei "Doktorspielchen" & Co ist bei manchen Männern wohl noch am positivsten konnotiert.
Beruflich hat auch Malte Hinz Anfang Dezember die Rollen getauscht. So lautet jedenfalls der Vorwurf zahlreicher "Kommentatoren" im WAZ-Protestblog "Medienmoral NRW" der Gewerkschaften DJV und dju. Denn Hinz wurde zum Chefredakteur der Westfälischen Rundschau (WR). Vorher war er Lokalchef in Lünen. Und gleichzeitig Betriebsratsboss und seit 2007 Vorsitzender der Gewerkschaftsgruppe Deutsche Journalistenunion (dju) in ver.di.
Die Posten in der Arbeitnehmervertretung werden ihm jetzt zum Klotz am Bein. Wo vorher der Status mit der Redaktionsleitung in Lünen und dem Posten bei der Journalistenunion als Doppelrolle mehr oder weniger angesehen war, gehe das nun nicht mehr, monieren die Kritiker (ob aus WR-Reihen oder sonst woher). Die neue Doppelrolle als WR-Chefredakteur und Arbeitnehmervertreter wird als Rollentausch dargestellt. "Zu gerne würde ich Hinz mailen, dass er sofort von seinem Posten als Gewerkschaftsvorsitzender zurückzutreten hat", schreibt beispielsweise Blog-Kommentator "Beobachter".
Sie kommen da nicht mit? Gut, denn der Hinz beging keinen Rollentausch, sondern nur einen Positionswechsel. Und zwar vom Lokal- zum Blattchef.
Auch Vergleiche wie der von Blog-Kommentator "ichglaubsjanicht" - "Früher wurden übrigens auch Betriebsratvorsitzende auf der Zeche PS-Direktor (Frühstücksdirektor) haha…" – hinken. Das Beispiel Norbert Hansen, der vom Vorsitz der Bahn-Gewerkschaft transnet als Personalvorstand in die Bahn-Spitze wechselte, taugt wenig bis gar nichts. Schließlich war Hinz vorher nicht hauptlberuflicher Gewerkschaftsfunktionär, wird nun nicht WR-Geschäftsführer und gibt auch seinen dju-Vorsitz nicht auf.
Natürlich werden die Geschäftsführer der WAZ-Gruppe, Hombach, Nienhaus und WAZ-Chefredakteur Reitz Hinz' Berufung von Lünen nach Dortmund nicht ohne Hintergedanken eingefädelt haben. Doch sicher weniger, um die Gewerkschaft "gefügig" zu machen oder sie gar zu kaufen. Eher um in Zeiten der WAZ-Krise mit Kündigungen & Co die ohnehin schon aufgewühlte WR-Belegschaft ein wenig zu beruhigen. Hinz als Baldrian-Tropfen für die geschundenen Nerven der Rundschau-Redakteure. Ein passenderes Bild.
Vertrauen hatten seine Kollegen bei der WR, als sie ihn als Lokalchef zum Betriebsratboss wählten. Vertrauen hatten die Gewerkschaftskollegen, als sie ihn als Lokalchef zum Gewerkschafts-Vorsitzenden machten. Vertrauen ist auch weiter nötig in neuer Position als WR-Chef und in alter als Betriebsrat – den Hinz nun wohl niederlegen wird – und dju-Boss. Denn ohne Vertrauen – natürlich gemixt mit einer gesunden Portion Argwohn – wird Hinz weder Posten eins, noch Posten zwei und drei zufriedenstellend ausführen können. Wie auch Blog-Kommentar "Henk" meint: "Es ist doch immer noch besser, einen Chefredakteur mit BR- und Gewerkschaftshintergrund zu bekommen, als einen farblosen, willfährigen Mit-Kahl-Sanierer."
Im Westen nichts Neues
::Von Janis Brinkmann
am 10.12.2008 um 12:15
An den vergangenen Wochenenden konnte der arglose Besucher bundesdeutscher Diskotheken ein beängstigendes Phänomen beobachten: Sie ist wieder da. Immer ärmellos und meistens schwarz: die Weste. Die Stilikone männlicher Oberbekleidung seit 1675 hatte sich in den letzten Jahren merklich zurückgenommen. Westen waren nicht angesagt, die Zukunft gehörte dem Cordsakko. Dachte man. Jetzt ist die Weste mit voller Macht zurück und wieder en vogue, wie der Spanier sagt. Wenn er französich kann.
Im Internet überschlagen sich die Hersteller und preisen das gute Stück zu immer besseren Konditionen an. Otto, Neckermann, Esprit und Mercateo. Auch Frauen können heute Westen tragen. Eine weitere männliche Domäne, die nach Jahrhunderten des Patriarchats der Emanzipation zum Opfer fällt.
Selbst Amazon hat seine Produktpalette erweitert. Zuweilen übertreiben sie es etwas. Bestellt man zum Beispiel ein Fantasybuch, zeigt das Internetversandhaus dem Kunden unter der Rubrik "Kunden, die das selbe suchen, wie sie, haben gekauft", na was wohl, genau, WESTEN. In mannigfaltiger Ausführung. Manche zum Angeln, andere offensichtlich zum kriegerischen Gebrauch. Was die Käufer letzterer Variante noch alles erworben haben, dürfte den Verfassungsschutz in manchen Fällen nicht unerheblich interessieren.
Der Handel mit Westen scheint also zu florieren, der Weltwirtschaftskrise und regionalen Rezessionen zum Trotz.
Der Einzige, der anscheinend nicht vom "Westen-Boom" profitiert, ist der WAZ-Konzern. Das Portal DerWesten.de war während der Dauer der gesamten Recherchen wegen Wartungsarbeiten geschlossen.
Wenn man da mal nicht wieder die Gunst der Stunde verpasst...
Nazis in Tarnkleidung
::Von Birte Penshorn
am 05.12.2008 um 14:21Was waren das noch für Zeiten, als man den gemeinen Neonazi ganz einfach erkannte: die Haare abrasiert oder zu einem strengen Scheitel gegelt, dazu Bomberjacke und Springerstiefel. Aus, vorbei! Statt in braunem Einheitsbrei erscheint der moderne Neonazi in linker Tarnkleidung: Baggy- oder Röhrenjeans, dazu Baseballkappen, Kapuzenpullover, Anstecker, Piercings, bunte Haare oder Palästinensertücher, die vorherrschende Farbe ist schwarz. Wer da nicht genau hinschaut, meint, den linken Block vor sich zu haben.
Am Volkstrauertag in Delmenhorst, einer Stadt bei Bremen, waren die Gäste, Stadt- und Medienvertreter darum auch recht irritiert, als ein fünfköpfiges Grüppchen der "Nationalen SozialistInnen Delmenhorst und Umgebung" in eher unauffälliger bis linker Kleidung mit eigenem Kranz auf das Mahnmal für die vom NS-Regime verfolgten Minderheiten und Kriegstoten zumarschierte. Die Aufschrift auf dem Kranz war dafür umso deutlicher – und zwar rechtsradikal. Auch die später verteilten Handzettel enthielten extremistische Parolen. Der Kranz wurde sofort entfernt und der Polizei übergeben, die nun prüft, ob sich die Aktion strafrechtlich verfolgen lässt.
Auf die Medien kommt damit eine neue Aufgabe zu. Denn über diesen Rechtsradikalismus in Tarnkleidung muss berichtet werden. Ansonsten könnte allzu schnell zusammengeworfen werden, was nicht zusammen gehört. Selbst die Polizei hat mittlerweile Schwierigkeiten, linke und rechte Demonstranten auseinanderzuhalten. Wie geht es da wohl erst Menschen, die sich mit dieser Thematik nicht besonders auskennen? Kinder und Jugendliche zum Beispiel. Wo das stumpf-braune Glatzenimage nicht gerade für Mitgliederzuwachs gesorgt hat, könnte das neue "coole, trendige" Auftreten behilflich sein. Zumal nicht nur die Kleidung der Linken gerne kopiert wird. Ein Beispiel ist das typische Antifa-Logo: zwei Fahnen, die nach links wehen, eine rote im Vorder-, eine schwarze im Hintergrund. In der rechten Szene ist die Schwarze im Vordergrund, der Unterschied auf den ersten Blick nur schwer auszumachen. Auch die faschistischen Inhalte sind nicht unbedingt sofort zu erkennen. Denn die antikapitalistischen und antiimperialistischen Forderungen haben die Rechten ebenfalls den Linken abgeschaut.
Auch in Dortmund hat sich diese Strömung der rechten Szene bereits breit gemacht. Allerdings haben die "autonomen Nationalisten" völlig andere Ausmaße angenommen: "Noch vor einem Jahr bezeichnete der Verfassungsschutz die 'autonomen Nationalisten' als 'militante Randgruppe', mittlerweile will man die Bewegung 'sehr genau im Auge behalten', weil sie vor allem 'erlebnisorientierte Jugendliche' anziehe. Die Verfassungsschützer gehen von 400 'autonomen Nationalisten' aus, aber das ist nur der harte Kern, nicht mitgezählt sind Sympathisanten, die sich spontan an Demos beteiligen und deren Zahl ebenfalls ständig wächst. Im letzten Jahr kamen zur Dortmunder Demonstration nur 400 Demonstranten, jetzt sind es mehr als doppelt so viele, die meisten von ihnen gekleidet im Stil des schwarzen Blocks", schreibt die Neon in ihrer November-Ausgabe.
Schon längst ist also nicht mehr drin, was außen draufsteht. Die Grenzen verschwimmen – und das macht diese rechten Strömungen besonders gefährlich. Denn trotz anderer Verpackung bleiben die rechtsextremen, menschenverachtenden Motivationen, die diese Zusammenschlüsse haben. Da hilft auch alles Kaschieren nicht: Nazi bleibt Nazi. Nur genauer hinschauen muss man möglicherweise.

